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Bloß ein Sternchen oder steckt doch mehr dahinter? - Gender Diskussionsrunde zu Gast am Thusnelda

Ein Schülerbeitrag von A. Jawadian, K. Aliaj und N. Leichert

Das Thema Gender hat in den vergangenen Jahren für viel Aufruhr gesorgt und zahlreiche Diskussionen eröffnet. In diesen Debatten geht es beispielsweise um den Gender-Star und die Frage, ob dieser offiziell in die deutsche Rechtschreibung mit aufgenommen werden sollte sowie um das generische Maskulinum und dessen Einfluss auf die Gesellschaft.

Ebenfalls wird darüber diskutiert, ob man Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann definieren, dieselbe Freiheit wie selbstdefinierten Männern und Frauen ermöglicht, sodass es ihnen möglich wird, banale Dinge wie einen Flug im Internet buchen zu können, ohne sich als Frau oder Mann kategorisieren zu müssen. Dies entspricht im Moment noch nicht der Realität.

Um diese Themen aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven auch unserer Zukunft, der Jugend von heute, näherzubringen, erklärten sich Simon Dirksen, der Referent der Interessenvertretung der Universität zu Köln, der Genderwissenschaftler Dirk Schulz, Jespa Kleinfeld aus der aktivistischen Perspektive und die Sprachwissenschaftlerin Kirsten Schindler dazu bereit, einen Vortrag zum Thema Gender im Städtischen Gymnasium Thusneldastraße zu halten.

Dazu versammelte sich die gesamte EF am 08. Juli in der Aula, wo dann zunächst einmal Kirsten Schindler mit einem Zitat von Luise Pusch in den Vortrag einstieg. Daraufhin wurden die Unterschiede zwischen dem grammatischen Genus und dem semantischen Sexus sowie die Schwierigkeiten, die dabei in der deutschen Sprache aufkommen können, näher erläutert. Beispielsweise wurde aufgeführt, dass Menschen bei der Aussage „Der Einbrecher war Mitte 50“ eher an einen Mann als eine Frau denken, obwohl das Geschlecht noch gar nicht genannt wurde.

Es wird zwar gesagt, dass das generische Maskulinum, welches in diesem Fall vorliegt, Frauen miteinbeziehe, an Beispielen wie diesen wird jedoch deutlich, dass es in den Köpfen der meisten Menschen nicht wirklich so verankert ist.

Um diesen Ausschluss von Frauen in der Sprache zu ändern, gibt es daher Vorschläge wie: die männliche als auch die weibliche Form auszuschreiben, das Partizip – beispielsweise nicht Studenten und Studentinnen, sondern Studierende –, das Binnen-I, den Gender-Gap, den Flexi-Gap oder den Gender-Star.

Es gelten jedoch nicht alle diese Formen als orthographisch korrekt, da der Rat für deutsche Rechtschreibung einen Teil der Vorschläge im vergangenen Jahr mit der Begründung abwies, dass solche Formen zwar etwas Wichtiges seien, bislang aber noch nicht populär genug wären, um offiziell in die deutsche Sprache aufgenommen zu werden.

Im Anschluss daran erklärte Dirk Schulz, dass Sprache rein durch die Gesellschaft definierbar sei. Das heißt, dass Gegenstände uns nicht sagen, wie sie heißen, sondern, dass sich Menschen Bezeichnungen und Namen für Dinge ausdenken. Demnach hat die Sprache in sich keine Bedeutung, die Bedeutung schreibt die Gesellschaft der Sprache erst zu.

Aus diesem Grund sei es auch so einfach, neue Begriffe einfließen zu lassen, sagte Dr. Schulz. Denn sobald ein neues Wort erst einmal Einzug in unser Vokabular gefunden habe, gewöhne man sich schnell an die Nutzung dieses neuen Wortes, da Menschen nun mal Gewohnheitstiere seien. Wenn Personen sich also bei bereits bestehenden Bezeichnungen nicht einbezogen fühlen und es doch so leicht wäre, neue Wörter einzuführen, wieso wäre es dann so schwer, dies auch umzusetzen?

Als Letztes stellte sich Jespa Kleinfeld vor. Jespa ist eine Person, die sich weder als Frau noch als Mann definiert, daher auch für sich selber kein Pronomen im Deutschen benutzt. Demzufolge ist Jespa, wie viele andere Menschen, nicht in der Lage, im Jahre 2019 einen Flug im Internet zu buchen, weil man sich dafür als weiblich oder männlich definieren müsste.

 Zum Einstieg las Jespa ein Statement des Dekans der Juristischen Fakultät der Universität Leipzig aus dem Jahre 2013 vor, welches besagt, dass die Juristische Fakultät die Entscheidung der Universität, von nun an statt dem generischen Maskulinum das generische Femininum in der Universitätsordnung zu verwenden, nicht unterstütze und auch nicht umsetzen werde. Besonders interessant an dem Statement ist, dass der Dekan schrieb, dass kein männlicher Student der Juristischen Fakultät zu erwarten habe, als „die Studentin“ bezeichnet zu werden, wohingegen es in Ordnung sei, eine weibliche Studentin als „der Student“ zu bezeichnen.

Anschließend wurde eine Geschichte von Ivan Coyote namens „Imagine a Pair of Boots“ vorgelesen, welche verdeutlichen sollte, wie sich Menschen fühlen, die sich nicht mit dem Geschlecht, dem sie zugeteilt sind, identifizieren können und wie es ist damit zu leben, nicht das sein zu können, was man gerne wäre.

Darüber hinaus wurde davon gesprochen, wie unsensible Sprache Menschen verletzten kann. Da beispielsweise Wörter wie „schwul“ oder „behindert“ insbesondere von Jugendlichen als Beleidigungen verwendet werden, assoziieren manche Personen automatisch etwas Abwertendes mit diesen Wörtern. Wenn dann ein Junge merkt, dass er nicht Mädchen, sondern Jungen mag oder jemand einen Autounfall hat und daraufhin einen Rollstuhl benutzen muss, bleibt der Person nichts anderes übrig, als sich mit diesen womöglich negativen Begriffen zu definieren, bloß weil bestimmte Menschen nicht auf ihren Sprachgebrauch geachtet haben.

Jespa erklärte uns Schüler*innen außerdem, dass es in Ordnung sei, wenn man auch mal Fehler beim eigenen Sprachgebrauch mache, denn Fehler mache jeder Mensch. Wichtig sei, dass man sich Gedanken darüber macht, wie man sich verbessern kann und sich bewusst macht, was man zu wem sagt. Denn das Reflektieren der Sprache ist der erste Schritt in die richtige Richtung.

Im Anschluss konnten die Schüler*innen den Vortragenden dann Fragen stellen sowie offen über die Themen diskutieren.

Beispielsweise kam auf, dass es in Deutschland immer noch kein Verbot von Operationen an Babys, die intergeschlechtlich geboren werden, gebe, obwohl diese OPs gegen die Menschenrechte verstoßen. Da Menschen also nicht vor solchen Dingen geschützt sind, handelt es sich bei der Gender-Debatte also nicht nur um eine sprachliche, sondern auch um eine reale Konsequenz.

 Zudem wurde darüber gesprochen, dass Eltern schon früh dazu angeregt werden, entweder die Farbe rosa für ihre Tochter oder blau für ihren Sohn auszusuchen, obwohl diese Kategorisierungen in früheren Jahren noch umgekehrt waren. Dass Frauen Hosen und Anzüge tragen, war wie die meisten wissen auch nicht immer die Norm. Männer hingegen können auch heute noch keine Röcke tragen, ohne schief angeguckt zu werden.

Diese Beispiele machen deutlich, dass es durchaus nicht unmöglich ist, neue Dinge einzuführen, da dies offensichtlich bereits in der Vergangenheit passiert ist.

Diskutiert wurde auch darüber, dass es etwas mit Respekt zu tun habe, eine Person so anzusprechen, wie sie es sich wünscht. Da viele Menschen es aber weiterhin stört, anderen Menschen eine Alternative zu bieten, kommt die Frage auf: Was verliert man durch die Öffnung gegenüber anderen?

Eine Schülerin stellte die Vermutung auf, dass Menschen sich kategorisieren, um sich zu schützen. Man teilt sich Eigenschaften zu, durch die man sich als etwas definieren kann – sei es Geschlecht, Beruf, Herkunft oder Sonstiges – und durch die man sich damit auch mit anderen Menschen identifizieren kann. Diese Kategorisierungen können zwar in bestimmten Situationen hilfreich sein, führen jedoch vor allem zu Vorurteilen, insbesondere, wenn man jemanden Neues kennenlernt.

 Angenommen eine Person wie Jespa sagt, sie lasse sich nicht einem Geschlecht zuteilen, ist diese Person, wie die Schülerin erklärte, in dem Sinne mutiger als andere, da sie nicht auf den Schutz einer Gruppe angewiesen sei. Diese Person ist damit stark genug, um sich als sich selbst zu definieren. Wenn jemand nun etwas verändern will, indem man sagt, dass man weder Frau noch Mann ist, schüchtert dies andere Menschen ein, was dazu führt, dass diese Veränderung nicht zugelassen wird.

Ein weiterer Grund von Ablehnung gegenüber Menschen, die sich beispielsweise als divers definieren, kann sein, dass Menschen Angst davor haben, sich zur Folge selbst zu hinterfragen. Denn wenn man das tun würde, müsste man in Frage stellen, ob man sich als Frau/ Mann bezeichnet, weil man so erzogen wurde, beziehungsweise man einem Stereotyp nacheifert oder weil man sich selbst so fühlt. Diese Hinterfragung kann bei Manchen das Ego verletzen.

Schlussendlich ist es wichtig über diese Themen zu sprechen, denn wie Jespa wichtiger Weise sagte: Wenn man über etwas nicht spricht, kann es auch nicht besprochen werden. Solange es keine Debatte gibt, weiß man nie wie viele Menschen eigentlich betroffen sind.

Ziel ist es außerdem nicht nur Formalitäten wie ein visuelles Mitmeinen durch einen Gender-Star oder ein x beim Onlinebuchen durchzusetzen, sondern auch Menschen dazu zu bringen, Sensibilität für Sprache zu entwickeln und sich bewusst zu machen, was das Geschlecht sprachlich und damit auch gesellschaftlich für eine Rolle spielt.

Im Endeffekt ist Gendering wie eine Fremdsprache, die wie jede neue Sprache Übung benötigt bis sie perfekt sitzt und in allen Köpfen angekommen ist. Solange man offenbleibt und es weiter versucht, ist also alles in Ordnung.